Politische Praxeologie

Problemanalyse und menschliches Verhalten

Reale Widersprüche kennzeichnen die Spätmoderne und nie zuvor wirkten die in ihr verankerten Merkmale in diesem Ausmaß zusammen. So stellt die immense Differenzierung in arbeitsteilige Prozesse und soziale Rollen, verknüpft mit einer Überproduktion von Informationen, Erwartungen und Möglichkeiten eingebettet in die digitale Verschmelzung verschiedenster Lebens- und Arbeitswelten ein Novum für die alltägliche Lebensrealität der Menschen dar. Trotz des beinahe unbeschränkten Zugangs zu Wissen und dem damit einhergehenden dramatischen Zuwachs an Chancen, macht sich allerdings keine aufklärerische Zuversicht beim Einzelnen breit. Vielmehr ist eine Desorientierung und Verunsicherung über Fakten, verbindliche Werte und gesellschaftlich-politische Ordnungsstrukturen festzustellen. Diese Entwicklung kann dem Wirken zweier entgegengesetzter Trends zugeschrieben werden, die aus dem Merkmalen-Komplex der Spätmoderne hervorgehen: Einerseits ein radikaler, moralisch aufgeladener Individualismus und das Streben nach Selbstbestimmung. Andererseits eine fortschreitende Globalisierung und Harmonisierung der Lebensstile. Die zentrale Frage vor dem Hintergrund solch einer Ära kann wie folgt zusammengefasst werden: Wie ist Handlungsautonomie und Gestaltungsfähigkeit möglich? Vordenker der theoretischen Praxeologie aus den Sozial-, Religions- und Kulturwissenschaften haben sich dieser Herausforderung vielfach angenommen. Besonders in Anlehnung an Pierre Bourdieus Entwurf einer Theorie der Praxis von 1972 bildete sich ein neuer Deutungsansatz zum menschlichen Verhalten als wegweisend heraus. Sie postuliert, dass soziale Strukturen das Verhalten des Menschen zwar prägen, jedoch nicht determinieren. Somit kann das menschliche Verhalten als kontinuierliches Ereignis betrachtet werden, das aus seinem praktischen Vollzug heraus zu verstehen ist.

Theoretische Praxeologie – Diskurs, Praktiken, Habitus und Institutionen

Basierend auf diesen Gedanken, geht die theoretische Praxeologie von einer dispositiven Einbettung des Menschen aus. Das Dispositive wird dabei von einem Gespann aus Diskurs, Habitus, Praktiken und Institutionen konstituiert, daher nennen wir ihn im Folgenden auch DPHI-Formationen. Alle vier Aspekte beeinflussen das menschliche Verhalten auf ihre Weise. So bilden Diskurse die Voraussetzungen, aber auch die Grenzen des Sagbaren, denn ihr Wirken begrenzt die Menge kommunikativer Inhalte und erschafft intersubjektiv gesteilte Sinn- und Deutungsrahmen. Im Gegensatz zur sprachlichen Fokussierung des Diskurses, betreffen Habitus und Praktiken die Dimension des Handelns. Durch den Habitus erlangt der Mensch ein ganzes Repertoire an unbewussten Verhaltens-, Wahrnehmungs- und Bewertungsschemata. Diese kann er jederzeit abrufen, so dass der Habitus für Individuum und Gesellschaft eine Komplexitätsreduktion der praktischen Welt bewerkstelligt, da er diese vor der mühseligen Aufgabe befreit für jede Situation neue Verhaltensmuster abzuwägen. Die kontinuierliche, koordinierte Handlungsfolge bringt zudem spezifische Praktiken hervor. Umgekehrt ist die Iteration von Praktiken eine Bedingung der Formierung von Habitus. Schließlich wirkt die institutionelle Ordnung auf die Verhaltensprägung des Menschen ein. Denn diese ist nicht nur das Resultat impliziter, habituell internalisierter Grundsätze, sondern auch expliziter Normen. Aufgrund der komplexen Natur dieser Normen kann sie niemand in toto internalisieren. Institutionen zeichnen sich dadurch aus, dass sie einerseits soziale Akteure eigenen Ranges sind, da ihre Essenz sich nicht in der Summe ihrer Mitglieder erschöpft. Andererseits überdauert ihre Existenz das Leben einzelner Menschen, so dass sie emergent sind d.h. sie entstehen als neue Eigenschaftsklassen aus den Interaktionsmustern der Personen. Nichtsdestotrotz agieren auch Institutionen unter der Voraussetzung von Diskurs, Habitus und Praktiken, so dass sich der Kreis zu einer Formation gleichursprünglicher Existenzbedingungen zusammenschließt.

Bis zu diesem Punkt könnte man der Meinung sein, die theoretische Praxeologie wäre eine Theorie des sozialen Determinismus, denn sie lässt alle Aspekte sozialer Existenz im Netz der DPHI-Formationen umspannen. Allerdings ist diese Einschätzung vorschnell, da Dispositive weder lücken- noch reibungslos sind. So bereiten zwei Faktoren Raum für Kontingenzen: Erstens können DPHI-Formationen nicht für alle Handlungs- und Sprechsituationen erschöpfend sein. So können durch sozioökonomische Krisen oder technologischer Fortschritt uns orientierungslos lassen und uns dazu zwingen, neue Wege und Lösungen zu finden, um Leerstellen auszufüllen. Zweitens können verschiedene DPHI-Formationen miteinander um Dominanz und Deutungshoheit konkurrieren. Da Gesellschaftsfelder nach unterschiedlichen Systemlogiken und Regeln funktionieren, können sie zu Zielkonflikten führen. Da es hierbei kein übergeordnetes Abwägungsprinzip gibt, müssen Individuen und Kollektive eigenständig neue Handlungs- und Gestaltungsräume erschließen. In diesen Schlüsselmomenten, in denen Menschen durch kreative Akte zwischen DPHI-Formationen navigieren und durch die Reinterpretation der sozialen Welt neue Fakten schaffen, zeigt sich zugleich, welche DPHI-Formation fortbesteht.

Politische Praxeologie – Praktische Herausforderungen und effektiver Machtgebrauch

Die Frage ist nun abzuklären, welche praktischen Herausforderungen aus der Verortung des Menschen zwischen dispositiver Ordnung und plötzlichen Krisen hervorgehen und wie er sich in diesem Zwiespalt behaupten kann. Droht der Mensch zum Spielball der um Vorherrschaft ringenden Gesellschaftskräfte von Ordnung und Chaos zu werden, wenn sich sein Tun und Sagen im Spannungsfeld von dispositiver Regelmäßigkeit und Steuerung auf der einen Seite und disruptiver Kontingenz ereignet?

Diese Perspektive des praktischen Erkenntnisinteresses ist der angewandten Disziplin der politischen Praxeologie eigen. Ihr fällt zum einen die Aufgabe zu, wirkmächtige Sozialstrukturen zu erschließen und dem Individuum ein reflektiertes Verhältnis zur gesellschaftlichen Umwelt zu ermöglichen. Sie interessiert sich dabei das Spannungsfeld zwischen Diskurs und Praxis zu beleuchten sowie die Reproduktion gesellschaftlicher Systeme zu kontextualisieren. Auch bietet sie die Grundlage dafür, dispositive Krisen, bei der sich Kreativität und Autonomiestreben in Innovation oder auch Zerstörung verkehren können, ausfindig zu machen. Zum anderen zielt die politische Praxeologie zur Befähigung des Menschen zum selbstbestimmten Handeln. Sie will ihn in seiner Verortung zwischen dem Dispositivem und der Kontingenz dazu verhelfen, Handlungschancen auszunutzen und gegen unvermeidliche Störungen und Umbrüche zu wappnen. Hier tritt die Beschäftigung mit dem Schlüsselbegriff Macht ins Spiel.

Macht hat einen schlechten Leumund. Sie gilt zu Unrecht als moralisches Übel und inhärent unterdrückerisch. Erst die Frage, wer Macht gegenüber wem einsetzt, verleiht ihr eine ethische Dimension, denn für sich genommen ist Macht ein neutrales Konzept. Moralisierende Betrachtungen sollen daher beiseitegelassen werden. Max Weber definiert die Macht als doppelte Potenzialität: Sie ist die Möglichkeit, eigene Ziele gegen mögliche Widerstände durchzusetzen. Ob die Widerstände jemals manifest werden, ist unerheblich. Darüber hinaus ist Macht keine Garantie zur Durchsetzung des Willens, sondern immer nur eine Chance. Hiervon ausgehend müssen wir für den effektiven Machtgebrauch prognostizieren können, mit welcher Wahrscheinlichkeit Widerstand auftreten wird und ob dieser mit den vorhandenen Mitteln überwunden werden kann.

Wie auch in unserem Buch Logiken der Macht: Politik und wie man sie beherrscht von 2018 sollte daher der Fokus auf de, erfolgreichen Machtgebrauch stehen. Drei Faktoren bestimmen die Fähigkeit, Macht zu gewinnen, zu konsolidieren und zielgerichtet einzusetzen. Machtkompetenz ist die instinktive Vertrautheit mit der Machtausübung durch Praxiserfahrung in der gesellschaftlich-politischen Sphäre. Machtwissen ist intellektuelle Aneignung von inhaltlichem Detailwissen über Macht und ihrer Legitimierung durch Narrative. Entscheidend ist auch die strategische Expertise als Kernprinzip des Machtwissens, um den idealen Kausalpfad der Kosten-Nutzen-Effizienz zwischen Startpunkt und Ziel zu durchmessen. Schließlich bilden Machinstrumente die objektive Seite der Macht. So fungieren Machtartefakte, wie Instrumente der Kommunikation, oder Machtorganisationen, wie Sicherheitsinstitutionen oder zivilgesellschaftliche Vereinigungen, als Werkzeuge der Einflussnahme. Dabei ist die Frage, welches Instrument einem Akteur Macht über den anderen verleiht, stets mit soziokulturellen, ökonomischen Kontexten verknüpft.

Schlussfolgerung: Enttabuisierung der Macht

Die politische Praxeologie als die Lehre vom erfolgreichen Machtgebrauch verfällt nicht der naiven, utopischen Forderung, dass jeder Mensch ein Machtexperte werden müsse, denn die Beherrschung aller drei Machtvektoren stellt höchste mentale und körperliche Ansprüche an den Einzelnen. Allerdings beharrt sie auf einer praktischen Schlussfolgerung: Die gegenwärtige Tabuisierung der Macht als Bedrohung oder moralisches Übel tilgt diese nicht aus der Welt. Stattdessen wird nicht nur die Ohnmacht vor der Komplexitätsexplosion der Spätmoderne potenziert, sondern auch der Einfluss von Denjenigen gestärkt, die keine Berührungsängste mit der Macht haben und ihrem Machtstreben ungezügelt nachgehen. Die Folge ist eine klandestine Elitenbildung, die kein öffentliches Korrektiv kennt. Der Schaden für die Gesellschaft liegt auf der Hand. Deshalb plädiert die politische Praxeologie dafür, Macht als Ressource von Handlungsautonomie zu betrachten. Somit ist das Fundament für eine produktive Auseinandersetzung mit der Macht und ihrer Legitimation gelegt. Macht und ihre Ausgestaltung sind menschliche Ausflüsse und somit verformbar. Wir müssen nur den Mut haben, uns ihrer zu bedienen.

 

Eine ungekürzte Fassung des Beitrags ist erschienen in: Politikum, „Souveränitätskrise“, 6. Jahrg., Heft 4/2020, S. 62-67