Interessenvertretung der Zukunft heißt Global Governmental Relations: glaubwürdig, global, compliant und digital

Eine gekürzte Fassung dieses Beitrags ist in der September-Ausgabe von Politik & Kommunikation erschienen.

Die Themen Digitalisierung, Globalisierung und Glaubwürdigkeit prägen die Arbeit der Interessenvertretung. Dabei zeigt sich immer wieder, dass der Begriff „Public Affairs“ sehr unspezifisch, missverständlich und für die globale Diskussion teilweise unbrauchbar ist. Neben dem traditionellen Begriff Lobbying wird zunehmend der Begriff „Global Governmental Relations“ zur Beschreibung der Arbeitsweise von Interessenvertretung international, aber auch in Europa und Deutschland verwendet. Komplexitätssteigerung, Internationalisierung sowie Beschleunigung von Informationsflüssen und Entscheidungsfindungen erfordern von uns Interessenvertretern neue Analysemethoden, Dialogformate, verfeinerte Instrumente und Strategieangebote sowie belastbare Netzwerke. Zudem erleben wir in vielen demokratischen Systemen einen zunehmenden Vertrauensverlust in die Politik und deren Entscheidungsfindung. Auch hier steht die Interessenvertretung in der Verantwortung, dieser Entwicklung entgegen zu treten.

Vor diesem Hintergrund lassen sich vier aktuelle Trends im Rahmen der Diskussion über „Global Governmental Relations“ aufzeigen:

Gemeinwohlorientierung
Der Begriff Gemeinwohl steht seit jeher im Zentrum des politischen Diskurses. Wie sich Gemeinwohl definiert, ist ein permanenter Diskussionsprozess vieler politischer Akteure in einem demokratischen Rechtsstaatssystem. Die einen sehen den Staat als Garant der sozialen Daseinsvorsorge, andere wollen am liebsten vom Staat so wenig wie möglich wissen. Jeder Akteur muss sich heute in diese Gemeinwohldiskussion einbringen, um seine Position im politischen Raum zu rechtfertigen. Egal, ob Unternehmen, Verband oder NGO. Vor diesem Hintergrund erleben gerade Unternehmen und Verbände, dass sie mit einer zu starken Orientierung an ihren Partikularinteressen zunehmend im politischen Konsensprozess scheitern. Es ist für sie daher von entscheidender Bedeutung, dass sie diesen schwierigen Balanceakt zwischen Gemeinwohl- und Partikularinteressen meistern, um ihre Anliegen in der Politik platzieren zu können.

Globalität
Die Globalisierung verlangt von Interessenvertretern nicht nur einen Blick nach Brüssel, sondern in die gesamte Welt. Nicht nur Unternehmen, sondern auch NGOs internationalisieren ihre Tätigkeiten in einem rasanten Tempo. Vom „Headquarter“ aus gilt es, entscheidende politische Entwicklungen in aller Welt zu beobachten. Unterschiedlichste politische Logiken und Narrative sind zu verstehen und vorausschauend in die Arbeit zu integrieren.  Interessenvertretung muss hier neue Instrumente der strategischen Navigation für Organisationen entwickeln, um diesen internationalen Interessenvertretungsanspruch zu begleiten. Damit gewinnt die Strategieberatung gegenüber der Kontaktarbeit immer stärker an Bedeutung.

Compliance beeinflusst Interessenvertretung
Globale Steuerung von Governmental Relations ist eine organisatorische Herausforderung zwischen weltweit zentralisiertem und national dezentralisiertem politischem Vorgehen. Gerade die „Kontrolle“ von Verhaltensweisen und der inhaltlichen Positionierung im gesellschaftspolitischen Raum unterliegt in vielen Organisationen einem weltweiten Standardisierungsprozess. Dieser Compliance-Prozess hat mittlerweile einen immensen Einfluss auf die Interessenvertretung der Organisationen selbst gewonnen. Jede Agenda, jedes Statement unterliegt der Kontrolle der Compliance. Die damit einhergehende Verlangsamung und Verrechtlichung des Interessenvertretungsprozesses hat große Auswirkungen auf den Erfolg der politischen Arbeit jeder Organisation. Die strategische Zusammenarbeit zwischen Compliance und Governmental Relations Experten innerhalb einer Organisation, oft begleitet durch externe Beratung, wird damit zu einem wesentlichen Erfolgsfaktor.

Einsatz von IT und Künstlicher Intelligenz
Komplexitätsreduzierung politischer Prozesse benötigt den Einsatz von IT und KI. Die Nutzung von Technologien für Routinearbeiten verändert bereits jetzt das Berufsbild eines Politikberaters. Gelingt es in absehbarer Zukunft, KI mit lernenden Systemen einzubinden, entsteht für Governmental Relations ein großes Unterstützungspotenzial. Es bleibt mehr Raum für die entscheidenden strategischen Aufgaben im globalisierten Kontext. Natürlich muss sich Interessenvertretung trotz aller technischer Möglichkeiten der Menschlichkeit von Politik bewusst sein: Denn der Kern von Politik sind Fragen der Macht und der Entscheidung. Daher wird es auch in der Praxis der Governmental Relations von morgen immer auf Menschen ankommen.