Macht: ein Plädoyer für einen ehrlichen Blick

Macht ist allgegenwärtig, nicht nur in Politik oder Wirtschaft, sondern auch im Privatleben, in Freundschaften und Familien. Überall prallen Interessen von Menschen aufeinander – überall konkurrieren sie um knappe Ressourcen zur Durchsetzung ihrer Ziele. Das Streben nach Macht ist eine, wenn nicht die conditio humana. Zugleich hat Macht einen schlechten Leumund. Wer nach ihr strebt, macht sich moralisch verdächtig. Der Traum von der herrschaftsfreien Gesellschaft begleitet seit jeher den öffentlichen Diskurs, oft als utopisches Grundrauschen einer fundamentalen Politikkritik. Diese schizophrene Konstellation ist gefährlich: Eine Welt, in der Macht zwar alle sozialen Bindungen durchzieht, aber tabuisiert wird, ist anfällig für Mythenbildung und Paranoia. Die Entfremdung zwischen politischen Eliten und Bevölkerung, die seit Jahren unsere Demokratien erfasst hat, ist ein Symptom dieses Missstands.

Deshalb ist es unumgänglich, endlich einen ehrlichen, schonungslosen Blick darauf zu werfen, was Macht ist, wie sie funktioniert, wie man sie legitimiert. Das gilt für Entscheidungsträger und gesellschaftliche Vordenker, aber mehr noch für jeden einzelnen Bürger. Nur wer versteht, welchen Spielregeln das Phänomen Macht gehorcht, kann ein begründetes Vertrauen in unser politisches System – die Arena des demokratischen Machtkampfes – fassen. Dabei ist entscheidend, dass Macht und Politik letztlich überall nach identischen Grundsätzen funktionieren; die Kultur, der Ordnungsrahmen und die Institutionen mögen sich unterscheiden, aber die fundamentalen Logiken der Macht sind dieselben.

Der erste Grundsatz ist zugleich der wichtigste: Macht ist weder kategorisch gut noch schlecht, ihre ethische Valenz ist eine Frage des Kontexts. Konzentrierte Macht und ein Gewaltmonopol sind unverzichtbar für eine friedliche Gesellschaft, aber auch für die Selbstbehauptung eines Gemeinwesens nach außen. Zugleich bietet Macht ein unglaubliches Missbrauchspotenzial für Unterdrückung, Manipulation und Intransparenz. Darin ähnelt sie den Naturkräften, wie dem Feuer oder dem Wasser. In besonnenen Händen gereicht sie allen zum Vorteil, aber Unachtsamkeit führt rasch in die Katastrophe.

Anders als Feuer oder Wasser ist Macht jedoch kein Naturphänomen, sondern entsteht durch menschliches Tun. Macht ist machbar. Dieser zweite Grundsatz ist entscheidend, weil jede Ausgestaltung und Verteilung von Macht – ob parlamentarische Demokratie, Oligarchie, Monarchie oder Technokratie – damit unter dem Vorbehalt steht, anders und besser gemacht zu werden. Der politische status quo trägt eine permanente Beweislast: zu zeigen, dass die Alternativen schlechter wären. Er strebt nach Rechtfertigung. Diesem Rechtfertigungszwang der Macht kann man nicht durch den Ausweg in ein herrschaftsfreies Utopia entkommen. Solange es Menschen gibt, solange werden sie nach Macht streben: aus Freiheitsdrang, Notwendigkeit, Idealismus oder Lust am Spiel. Ihr Status als verletzungsoffene Bedürfniswesen prädestiniert sie ebenso zu Machtsubjekten wie zu Machtobjekten. Die Macht werden wir nicht los. Umso wichtiger ist es, mit ihr erfolgreich umgehen zu lernen und sie legitim einzusetzen.

Wie aber wird Macht gerechtfertigt? Die Antwort darauf bietet der dritte Grundsatz: das Prinzip des Gemeinwohls. Nur wenn Machtakteure, also Organisationen und Personen, plausibel machen können, dass ihr Einfluss dem Gemeinwesen als Ganzem – und nicht nur ihrer Klientel – dient, ist ihre Position dauerhaft legitimierbar. Das Gemeinwohl ist jedoch keine fixe Größe, die man im stillen Kämmerlein und durch intellektuelle Anstrengung könnte. Es ist Gegenstand und Ergebnis eines kontinuierlichen, Aushandlungsprozesses gesellschaftlicher Interessen, beim dem die Kraft des besseren Arguments ebenso zählt wie die Bereitschaft zum Konsens. So paradox dies in Zeiten einer wachsenden Emotionalisierung der politischen Debatte und der gesellschaftlichen Fragmentierung klingen mag, der Schlüssel zur Macht bleibt die rationale Argumentation und der konkrete politische Inhalt. Dazu müssen alle demokratischen Akteure einen Beitrag leisten. Insbesondere Nichtregierungsorganisationen, wie Transparency International, kommt eine zentrale Bedeutung als Diskurswächter zu. Aus diesem Grund begreife ich meine Mitgliedschaft von Transparency International Deutschland als wichtige Chance und Verantwortung, zur Legitimation der politischen Macht in diesem Land beizutragen.