Nudging-Debatte: Von Psychotrainern und Anstupsern

Bereits im November habe ich für die Politik & Kommunikation über die Schaffung der Projektgruppe „wirksam regieren“ im Kanzleramt geschrieben. Die Projektgruppe sollte „alternative Lösungsansätze auf Grundlage vertiefter Situationsanalysen, qualifizierter Interviews mit betroffenen Akteuren sowie verhaltens-wissenschaftlicher Evidenz“ entwickeln. Ziel sei es, den „Nutzen für Bürgerinnen und Bürger zu erhöhen bzw. Kosten und Belastungen zu senken“. Dafür wurden drei Referentenstellen ausgeschrieben.

Gemeint ist also „Nudging“, ein politisches Instrument, das u.a. in den USA, Großbritannien und Dänemark bereits angewandt wird. Die Idee stammt aus dem Bestseller „Nudge. Wie man kluge Entscheidungen anstößt“ von den Verhaltensökonomen Richard H. Thaler und Cass R. Sunstein. Neben dem Bundeskanzleramt interessieren sich auch Bundesbehörden für diesen Ansatz. So schrieb das Bundesumweltamt ein entsprechendes Projekt aus („Nudge-Ansätze beim nachhaltigen Konsum: Ermittlung und Entwicklung von Maßnahmen zum Anstoßen nachhaltiger Konsummuster“). Im Dezember lud schließlich das BMJV Professor Sunstein zur Debatte nach Berlin: „Nudging: Die Kunst der Entscheidungshilfe“.

Für die Politik ist Nudging ein interessantes Werkzeug des Regierungshandelns, welches Bürger “anstupst”, soziales Verhalten zu verändern. Die aktuelle politische Diskussion dazu ist äußerst spannend – und sehr kritisch. Werner Mussler, Wirtschaftskorrespondent der F.A.Z, sieht in Nudging die Gefahr eines sanften oder harten Paternalismus; andere beschwören die Weiterführung einer neoliberalen Politik. Die “Bild”-Zeitung warnte im Angesicht der Projektgruppe des Kanzleramts, Deutschland werde künftig im “Guru-Stil” von “Psycho-Trainern” regiert. Doch letztendlich lenkt die Debatte ab: Statt politische Inhalte zu hinterfragen, arbeiten wir uns an den Instrumenten zur Umsetzung dieser ab.

Für die Politikberatung gilt es dennoch, Nudging als Instrument des Regierens weiter zu beobachten – gerade im Hinblick auf das wachsende Interesse von Kanzleramt und Bundesministerien. Denn: Sollte sich die Wirksamkeit auch in Deutschland beweisen, könnten regulative Maßnahmen zukünftig verstärkt durch „Anstupsen“ der Bevölkerung durchgesetzt werden.